„Man muss schon langfristige Ziele vor Augen haben.“
Roberto Troszczynski (29) hat allen Grund zum Strahlen: Neben seiner beruflichen Tätigkeit bei der Caritas hat er an der Staatlichen Abendschule „Vor dem Holstentor“ die Allgemeine Hochschulreife erlangt – und zwar mit einem Notendurchschnitt von 2,3. Seinem Ziel, Psychologie zu studieren, ist er damit ein ganzes Stück näher gekommen. Jetzt heißt es, die Universitäten anschreiben, die die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse anbieten, Wartezeiten überbrücken, weiter durchhalten.
Dass er Durchhaltevermögen besitzt, hat Roberto Troszczynski in den letzten Jahren zur Genüge unter Beweis gestellt. Nach der 10. Klasse Realschule im heimischen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern war ihm klar: „Für mich ist hier definitiv Schluss.“ Dann kam zunächst eine Lehre als Elektroinstallateur, danach der Umzug nach Hamburg und Zivildienst. „Eigentlich hatte ich schon immer vorgehabt, an der Abendschule mein Abitur nachzuholen. Doch das habe ich erst einmal einige Jahre auf Eis gelegt. Aber Abitur machen, das wollte ich – komme, was wolle.“ Und mit 26 saß er dann nach 10 Jahren zum ersten Mal wieder auf der Schulbank: diesmal freiwillig, voll motiviert, in entspannter Atmosphäre und mit anderen Erwachsenen, die wie er recht neugierig waren auf das, was da wohl auf sie zukommen würde.
„Ich hatte damals die Vorstellung, man brauche nur ein bisschen lernen und schon gibt es in jedem Fach eine eins - was dann aber doch ein ganz schöner Trugschluss war.“ Man müsse erst einmal das Lernen wieder lernen und für sich ein System finden, wie man Informationen gut abgespeichert, damit man sie hinterher auch wieder abrufen kann. Das dauere eine Weile. Aber bei ihm hätte das gut geklappt und bei den meisten anderen auch, wobei der Großteil der Mitschüler eh erst Anfang 20 war.
„Und trotzdem …“, so erinnert sich Roberto Troszczynski noch an den ersten Abend, „Der Klassenraum war so richtig überfüllt. Und dann hat sich das relativ schnell gelichtet. Das ging Schlag auf Schlag, gleich von Anfang an. Nach den ersten sechs Wochen hatte sich das schon extrem reduziert. Und jedes Mal nach den Ferien waren wieder weniger da. Einige hatten einfach keine Lust mehr, andere waren schlicht überfordert. Es hat sich auch gezeigt, dass es umso schwerer ist, je mehr man an Belastungen noch nebenbei hat. So war z. B. die Abbruchquote bei denen ziemlich hoch, die Arbeit, Schule und dann vielleicht noch Kinder zu versorgen hatten, also die berühmte Dreifachbelastung.“
Neben der Berufstätigkeit ein Jahr Vorstufe und zwei Jahre Studienstufe durchzustehen, abends konzentriert im Unterricht mitzuarbeiten, regelmäßig Klausuren zu schreiben, nur noch wenig Freizeit zu haben, vielleicht auch noch finanzielle Einschränkungen, weil man nur noch halbtags arbeitet, bis man nach anderthalb Jahren Schüler-Bafög beantragen kann … Das alles ist schon ganz schön hart.
Wo findet man in den drei Jahren Unterstützung?
- Einige finden sie in der Familie, bei Freunden und Bekannten, vielleicht auch bei motivierenden Lehrern.
- Hilfreich ist auch ein verständnisvoller Arbeitgeber. So ist Roberto Troszczynski seinem Arbeitgeber sehr dankbar für das Entgegenkommen und die Flexibilität: „Ich konnte meine Zeiten immer mal wieder ändern oder an meine Schulbedürfnisse anpassen. Zu Prüfungszeiten habe ich sogar deutlich weniger gearbeitet. Die haben dann für mich sogar jemanden eingestellt.“
- „Sehr wichtig sind auch gute Freunde in der Klasse. Wir haben uns immer gegenseitig hochgezogen“, meint Roberto Troszczynski, der seinen „Durchhänger“ - wie so manch anderer - im dritten Halbjahr hatte, also beim Übergang in die Studienstufe, „als es so richtig losging.“ Aber man dürfe sich nicht verschließen. Freundschaften und Kontakte helfen dann wirklich weiter.
- „Und man darf das Ganze auch nicht einfach so aus einer Laune heraus tun. Man muss schon langfristige Ziele vor Augen haben. Man weiß ja von vorneherein, dass man ein paar Jahre in den sauren Apfel beißen muss. Zum Beispiel hatte ich ja früher kein Englisch, weil ich damals im Osten nur Russisch gelernt habe. Das war für mich schon so ein Sprung ins kalte Wasser, von quasi Null in drei Jahren auf Abiturniveau. Aber wenn man wirklich will, dann geht das alles. Irgendwie.“
- Dazu kommt noch die Tatsache, dass den Schülern der Abendschule sehr wohl bewusst ist, hier eine kostenlose Ausbildung zu erhalten für eine früher verpasste Chance. „Deshalb wollte ich auch versuchen“, so Roberto Troszczynski, der zwei Jahre lang das Amt des Schulsprechers ausgeübt hat, „der Schule etwas zurückzugeben. Ich weiß nicht, inwieweit mir das gelungen ist. Aber ich glaube, u. a. durch den Kreativtag, den ich mitorganisiert abe, ein paar gute Ansätze eingebracht zu haben.“
Fast alle seine Mitschüler wollen weitermachen und studieren. Von einer Mitschülerin weiß er, dass sie sich an der Fernuniversität angemeldet hat. Eine andere studiert bereits in Potsdam. Er selbst stellt sich auf eine längere Wartezeit ein bei dem hohen Numerus Clausus für Psychologie. Doch er hat sich gesagt: „Studieren werde ich auf jeden Fall – komme, was wolle. Ich habe einfach keine Lust mehr auf Zeitarbeitsfirmen oder sonstige Unternehmen mit ihrem unsicheren Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis. Irgendwann wird man arbeitslos, weil kein Geld mehr da ist, die Aufträge fehlen u. s. w. Das war letztendlich auch der Hauptgrund, warum ich mein Abitur nachgemacht habe. Weil ich irgendwann mal in die Selbständigkeit möchte. Und ich kann nur jedem empfehlen, der mehr aus sich machen möchte, seine Bildungsabschlüsse so schnell wie möglich nachzuholen. Ich habe es an mir selbst gemerkt: Je früher man diese Chance ergreift, umso besser ist es.“
Petra Burggraf

